Objekt des Monats April
Aktstudie – Pastell von Grete Ostwald
Die älteste Tochter von Wilhelm und Helene Ostwald, Margarethe, wurde am 13. Februar 1882 in Riga geboren und kam 1887 infolge der Berufung ihres Vaters an die Leipziger Universität nach Sachsen, wo sie bis zu ihrem Tod 1960 lebte. Sie erhielt bereits als Kind musische und künstlerische Förderung, unter anderem an der „Mal- und Zeichenschule für Damen“ Anton Klamroths (1860 – 1929). Sie begleitete regelmäßig ihren Vater auf dessen Ausflügen und Urlaubsreisen, die er zumeist mit Malerei ausfüllte, um sich von den Strapazen der Universitätsarbeit zu erholen.
Ab 1905 studierte Grete Ostwald, wie sie allgemein gerufen wurde, in Weimar an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule. Sascha Schneider (1870 – 1927) war hier der wohl einflussreichste Lehrer Gretes. Dies belegen einige großformatige akademische Aktstudien, sowohl von männlichen als auch weiblichen Modellen. Solche Studien gehörten seit Jahrhunderten zum üblichen Handwerkszeug bildender Künstler und wurden an den Kunstakademien intensiv gelehrt. Die Bilder Schneiders belegen ebenso wie die seiner Schülerin, dass Aktdarstellungen ein vollkommen übliches, künstlerisch tradiertes Sujet darstellten, welches insbesondere in den zeittypischen Historienbildern und symbolhaft-heroischen Darstellungen in der Öffentlichkeit jenseits dezidiert sexualisierter Inhalte Verwendung fand.
Als Beispiel sei Grete Ostwalds Aktstudie eines im Profil stehenden Jünglings mit erhobenen Armen, eine Stoffbahn hinter dem Körper in die Höhe haltend, angeführt. Das Blattformat ermöglicht mit circa 160 Zentimeter Höhe die nahezu lebensgroße Widergabe des Modells und erfordert selbst bei geschulter und zügiger Zeichnung einen größeren Zeitaufwand. Das Blatt stellt somit keine kleine Arbeitsskizze, sondern eine präzise Ausformung des Motivs dar. Der gesamte Körper des Modells wird in anatomischer Exaktheit erfasst und lediglich durch Hell-/Dunkelschattierungen in dreidimensionaler Plastizität auf den Zeichengrund gebannt. Die Perspektive auf das Modell ist dabei sehr gekonnt gewählt. Obwohl der Körper in Gänze gestreckt ist – beide Beine stehen eng parallel beieinander, die Arme sind ebenso nach oben gestreckt und der Kopf im Bezug zum Körper frontal geradeaus gerichtet – gelingt es durch die leichte Drehung der Figur, nicht einfach eine silhouettenhafte Profilansicht darzustellen, sondern vielmehr die Körperhaftigkeit des Jünglings im direkten wie im übertragenen Wortsinne festzuhalten. Diese Arbeit bezeugt, ebenso wie einige weitere, die sich in der Sammlung befinden, Grete Ostwalds künstlerisches Talent, welches aus biografischen Gründen nicht zu weiterer Blüte gelangen konnte: 1907 musste sie zur Unterstützung ihrer Eltern bei den Alltagsaufgaben auf den neuen Familienwohnsitz Energie zurückkehren und konnte somit das Studium nicht abschließen. Obgleich sie 1918 an Polyarthritis erkrankte und ihre Beweglichkeit bis in die Finger hinein stark eingeschränkt wurde, malte und zeichnete sie weiterhin.