Objekt des Monats August
Eine Ehrung für Grete
Der Erste Weltkrieg beherrschte bereits zwei Jahre lang den Alltag von Familie Ostwald als die älteste Tochter Margarethe (1882 – 1960) im Januar 1916 das Ehrenkreuz für freiwillige Wohlfahrtspflege mit dem Bande für ihre Tätigkeit im Großbothener Lazarett verliehen wurde.
Der kleine Ort Großbothen hatte mit Hilfe von engagierten Gemeindemitgliedern ein Reserve-Lazarett in der Tonhalle, einem Vergnügungslokal einrichten lassen. Es bot Platz für etwa 25 Betten. Dort wirkte die 32-jährige, unverheiratete Margarethe ab 1915 freiwillig als Krankenschwester und Lazarettleiterin bis zur vorzeitigen Auflösung des Lazarettes aus wirtschaftlichen Gründen.
Zuvor hatte sie von 1905 bis 1907 bei Prof. Sascha Schneider in Weimar an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule studiert und diese ohne Abschluss verlassen, um ihre Eltern zu unterstützen. Sie begleitete ihren Vater auf Reisen nach u.a. Paris, der sich derzeit mit einer Weltsprache, dem Monismus und der Gründung der Brücke als Institution zur Organisation der geistigen Arbeit befasste.
Unmittelbar nach Kriegsbeginn im August 1914 wurde der älteste Sohn Wolfgang Ostwald eingezogen. Der Zweitälteste, Walter Ostwald, wurde wegen „mangelhafter Augen“ nicht zum Waffendienst einberufen, sondern meldete sich freiwillig als Kraftfahrer. Die technischen Kenntnisse des jüngsten Sohnes, Carl Otto, brachte dieser beim „Fliegerwesen“ ein. Alle drei kehrten unverwundet wieder heim. Grete machte sich wie auch ihre Mutter in der Versorgung der Verwundeten nützlich. Es wurde Wäsche gewaschen, Essen gekocht und allerlei Zuwendungen fanden ihren Weg ins Lazarett.
Die freiwillige Krankenpflege war mit etwa 112 000 Frauen und 101 000 Männern über die gesamte Dauer des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 aktiv. Oft wurde diese von kirchlichen (Orden und Schwesternschaften) sowie sozialen Vereinen wie beispielweise Frauenvereinen organisiert. Seinen historischen Ursprung hat die freiwillige, medizinische Hilfe im 19. Jahrhundert, die bekannteste Organisation ist das Deutsche Rote Kreuz. Daher ist die Gestaltung des Ehrenkreuzes als Anerkennung für den freiwilligen Dienst im Bereich der Krankenpflege nicht verwunderlich. Im März 1871 stiftete König Johann von Sachsen die ersten Erinnerungskreuze für Krankenpflege anlässlich der Freiwilligendienste während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871. König Friedrich August III. setzte diese Tradition fort und stiftete am 1.März 1912 das Erinnerungskreuz, welches sowohl in Kriegs- als auch Friedenszeiten an freiwillig Helfende zusammen mit einer Urkunde verliehen wurde. 1915 wurde das Erinnerungskreuz in Ehrenkreuz umbenannt. Das an Grete Ostwald verliehene Ehrenkreuz ist aus vergoldeter Bronze mit leicht geschweiften Kreuzarmen. Der Mittelschild auf der Vorderseite trägt die Buchstaben FAR, i.e. Friedrich August Rex und wird von einem schmalen, blau emaillierten Ring mit sechs Sternen eingefasst. Zwischen den Kreuzarmen finden sich rechtsseitig Lorbeer- und linksseitig Eichenlaubkränze. Auf der Rückseite zeigt das Mittelschild die Jahreszahlen 1914/ 1915. Das Band ist grün-weiß gestreift und an einer kleinen Öse befestigt. Ehrenkreuz und Band liegen in einem kleinen, hellen Etui mit einem roten Kreuz auf der Oberseite. Die Verleihung wurde in der Sächsischen Staatszeitung vom 31.01.1916 mitgeteilt. Für Grete war dieser freiwillige Einsatz schicksalhaft. Als Folge ihres Einsatzes im Lazarett erkrankte sie 1918 an Polyarthritis. Sie war fortan zeitweise bettlägerig und bis an ihr Lebensende auf einen Rollstuhl angewiesen.
Maße: Etui HxBxT 1×4,5×7,5cm; Durchmesser Ehrenkreuz 2,5cm
Quellen:
Ostwald, Grete. Mein Vater. (1953) S. 175f
Ostwald, Wilhelm. Lebenslinien. (2003) S. 542ff.
Ein Rechercheleitfaden zu Nachlässen von Frauen im Ersten Weltkrieg – Bundesarchiv