Objekt des Monats Mai
Gardasee – Pastell von Wilhelm Ostwald
Der Chemiker und Chemienobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853 – 1932) betätigte sich in seiner Freizeit als Landschaftsmaler. Um von der wissenschaftlichen Arbeit zu entspannen, unternahm er sogenannte Malreisen. Diese führten ihn mehrmals an den Gardasee: 1891 nach Riva, 1892 nach Torbole und 1893 nach Gargnano. Meist reiste er im Frühling nach Italien, um die Wärme zu genießen und um sich von der Last des Universitätsalltags zu erholen.
In das Dorf Torbole, am Nordwestufer des Gardasees, reiste er 1892 gemeinsam mit seinem damals neunjährigen Sohn Wolfgang Ostwald (1883 – 1943). Wilhelm Ostwald schrieb in seiner Autobiografie Lebenslinien dazu: "Den nächsten Frühling verbrachte ich wieder am Gardasee, der es mir angetan hatte […] einen genügenden Vorrat Ultramarin hatte ich mitgenommen. Diesmal brachte ich mich in Torbole unter, einem Dörfchen in der nordwestlichen Ecke des Sees, eine Stunde von Riva entfernt." Der Reisemalkasten enthielt Ölfarbe, die üblicherweise stark verdünnt mit dem Pinsel auf Karton aufgebracht wurde. Insgesamt entstanden mehr als 85 Studien rund um den Gardasee, die sich heute im Museum des Wilhelm Ostwald Parks befinden. Diese Studien nutzte Ostwald als Vorlage, um sie später teilweise in großformatige Arbeiten umzusetzen. Das Pastellbild Gardasee mit der Signatur W. Ostwald 1906 entstand mit großer Wahrscheinlichkeit im heimischen Atelier in Großbothen, vierzehn Jahre nach dem Aufenthalt in Torbole.
Im eher ungewöhnlichen Hochformat zeigt das Bild den Gardasee im nördlichen Bereich mit Blick in Richtung Süden. Der Standort des Malers ist aufgrund der prägnanten topografischen Gegebenheiten gut nachvollziehbar. Am Horizont links im Bild ist der Ausläufer des Monte Baldo Massivs angedeutet, rechts der Berg Monte Castello. Am rechten unteren Bildrand verläuft der Fluss Sarca, der zwischen Torbole und Riva in den Gardasee mündet. Begrenzt wird er von einer geschwungenen Ufermauer aus Natursteinen. Auf der Landzunge dahinter wachsen schilfähnliche Pflanzen, die im Sonnenlicht rötlich erscheinen. Zweidrittel des Bildes nimmt der hellblaue Himmel ein, partiell mit weißen und rosafarbenen Schleierwolken bedeckt, die sich im See und im Fluss spiegeln. Die Ausführung in farbintensiver Pastellkreide zeigt eine Momentaufnahme des Gardasees wie ihn Wilhelm Ostwald 1892 wahrgenommen hat. Jedoch weicht diese Darstellung perspektivisch von den natürlichen Bedingungen vor Ort ab. Das Bild erhält durch die Überhöhung der Berge und die schmale Seefläche deutlich mehr Dramatik als es die ohnehin beeindruckende Naturkulisse des Gardasees schon hat.
Wilhelm Ostwalds zahlreiche künstlerischen Arbeiten wurden zum Teil als Geschenke veräußert. Zu einem unbekannten Zeitpunkt sowie Anlass verließ das Bild Gardasee die Sammlung von Ostwald. 2019 wurde das Pastellbild im Kunsthandel mit defektem Rahmen angeboten und von einem unbekannten Käufer erworben. 2024 stand es erneut zum Verkauf und wurde (ohne Rahmen) von einem Sammler gekauft. Aufgrund des geografischen Bezugs sollte das Werk ursprünglich einem Museum am Gardasee zur Verfügung gestellt werden – dieses Vorhaben scheiterte. 2025 erhielt die Gerda und Klaus Tschira Stiftung ein Kaufangebot. 2026, 120 Jahre nach der Entstehung des Werkes, gelangt das Pastellbild Gardasee, 1906 zurück an seinen Entstehungsort Großbothen.
Quelle: Ostwald, Wilhelm: Lebenslinien, Band 2, Seite 201 – 204
Maße: 78 × 62 cm