Objekt des Monats Februar
Himmelsblauskala
Eine der vielen wissenschaftlichen Anwendungen der Ostwaldschen Farbenlehre findet sich im Bereich der Meteorologie. Auf Veranlassung von Prof. Franz Linke (Frankfurt am Main) entwickelte Wilhelm Ostwald 1922 ein Cyanometer in Form einer Farbvergleichsskala zur Bestimmung des Himmelsblaus. In der Sammlung des Wilhelm Ostwald Parks ist eine Prototyp-Version der Blauskala erhalten. In einer aufklappbaren Pappkarte sind sieben Farbaufstrichproben angebracht. Der Papprahmen wurde aus Weltformatspappen aus der Insolvenzmasse des von Wilhelm Ostwald 1911 gegründeten und 1913 bankrott gegangenen „Internationalen Instituts zur Organisierung der geistigen Arbeit – Die Brücke“ gefertigt. Die Farbskala von sieben Blautönen der hellklaren Reihe des ersten Ublaus nach Ostwalds Farbenlehre – das heißt, Mischungen der Vollfarbe mit Weiß – stellte Ostwald her, indem er „eine Ultramarinsorte […], deren Farbton mit dem des reinen Himmels im Zenith tunlichst übereinstimmt“ mit lichtechtem Litopon als Weißpigment vermischte und mit siebenprozentiger Leimlösung als Bindemittel auf Pappe aufstrich. Die Ostwaldsche Entwicklung bildet hierbei eine Neufestlegung der Himmelsblau-Farbskala mit genormten, durch Messung festgelegten und jederzeit reproduzier- und überprüfbaren Farbstufen, die die damals über 100 gebräuchlichen Blauskalen ersetzen sollte, um vergleichbare Messungen zu ermöglichen. Schon seit dem späten 18. Jahrhundert, als Horace Bénédict de Saussure eine Himmelsblauskala mit 53 Farben entwickelte, war die Messung des Himmelblaus mittels Farbvergleichsskala in der Meteorologie üblich. „Das Ziel dieser Schätzung der Blaufärbung des Himmels ist eine rohe Orientierung über die Reinheit der Luft, d. h. über die Zahl und Größe der Aerosole.“ Aerosole in der Luft, wie Wassertröpfchen oder Schmutzteilchen, erhöhen durch die Streuung des Sonnenlichts den Weißanteil des Himmelsblaus, wie sich anhand des Extremfalls der weißen Wolken leicht nachvollziehen lässt.
Die in der Sammlung überlieferte Entwurfsfassung in Form einer aufklappbaren Pappkarte entspricht nicht der in der entsprechenden Veröffentlichung in der Meteorologischen Zeitschrift beschriebenen Konfiguration. Für die Serienproduktion wurde eine Variante in Form eines Büchleins gefunden. Die Farbskalen wurden im Laboratorium von Wilhelm Ostwald hergestellt und konnten vom Meteorologisch-Geophysikalischen Institut, Frankfurt a. Main, für 3,50 Reichsmark zuzüglich Versandkosten bezogen werden.
Zur Messung „stellt [man] sich mit dem Rücken gegen die Sonne und beobachtet mindestens eine halbe Minute lang den blausten Punkt des Himmels, der sich auf dem Sonnenmeridian etwa 70 bis 90° von der Sonne entfernt befindet. Ohne die Augen vom Himmel abzuwenden, entfaltet man die Skala beliebig und bringt sie schnell in den Gesichtskreis der Augen, so daß sie von der Sonne beschienen wird. […] Man wendet dann die buchförmig angelegte Blauskala so lange um, bis man entweder einen bestimmten Farbton in genügender Übereinstimmung mit der Himmelsfärbung findet, oder man sich überzeugt, daß die Blaufärbung des Himmels zwischen zwei aufeinanderfolgenden Farbtönen liegt. Einige Übung und guter Wille sind nötig, besonders wenn […] am Himmel grüne, rote oder schwarze Töne neben dem Gemisch aus Weiß und Blau vorhanden sind.“ „Die Fehlerquellen dieses Verfahrens liegen in der Unmöglichkeit, die Farbe des Himmels genau zu treffen und in dem Einfluß der spektralen Zusammensetzung der Beleuchtung der Blauskala auf die Schätzung der Blaustufe. Die Methode soll auch nur dem Zwecke der rohen Schätzung der Luftreinheit dienen.“ Die Blauskala nach Ostwald/Linke bürgerte sich in meteorologischen Instituten in allen Erdteilen ein und Linke bezog auch noch nach Ostwalds Tod 1932 neue Farbskalen aus Großbothen, wo die Aktivitäten Ostwalds von seiner Tochter weitergeführt wurden.
Dimensionen: 12 × 24 cm (aufgeklappt)
Quellen:
W. Ostwald und F. Linke: „Blauskala zur Messung der Himmelsfarben“, Meteorologische Zeitschrift, 1928, 10, 367–370.
F. Linke: „Meteorologisches Taschenbuch II“, Akademische Verlagsgesellschaft, Leipzig, 1933.