Objekt des Monats August 2021
Der Schaukelstuhl und andere Sitzmöbel
Mit großer Wahrscheinlichkeit stammt der Schaukelstuhl aus der Produktion des Unternehmens Gebrüder Thonet. Der Kunstschreiner Michael Thonet aus Boppard am Rhein hatte 1830 zunächst aus gestalterischen aber vor allem aus technischen Gründen mit dem Biegen schichtverleimten Holzes für den Möbelbau begonnen. Die Verbindung der Stuhlbeine mit dem Sitzrahmen war im Stuhlbau eine Herausforderung, da diese nicht dauerhaft stabil war. Thonets Lösung war revolutionär: Indem er Sitz und Stuhlbein jeweils aus einem Bauteil fertigte, eliminierte er diese Problemstelle. Im Frühjahr 1842 siedelte die Firma nach Wien über und entwickelte sich zum Weltunternehmen. Aus der Weiterentwicklung der Technologie in der Mitte der 1850er-Jahre zu wasserdampfgebogenen Möbelelementen aus Buchenholz resultierte eine große Formenvielfalt bei gleichzeitig ebenso effizienten Herstellungs- wie Transportmöglichkeiten. Bekanntestes Objekt wurde der Wiener Kaffeehausstuhl, der millionenfach in die ganze Welt verkauft wurde und heute zu den Designklassikern zählt. In eine Kiste mit einem Maß von einem Kubikmeter passen mehr als 30 zerlegte Stühle dieses Typs, die erst beim Empfänger mit wenigen Handgriffen montiert werden.
Ab 1860 wurde der Schaukelstuhl Nr. I produziert und in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen Varianten ausgeführt. Bei dem von Wilhelm Ostwald handelt es sich um ein Modell Nr. 14. Typisch für alle Modelle sind die gebogenen Hölzer sowie das Korbgeflecht als Sitzfläche und Lehne. Wie und wann der Thonet-Schaukelstuhl in die Familie Ostwald kam, ist nicht bekannt. Dass er stets in Benutzung war, erkennt man an den Erzählungen darüber sowie am erneuerten Korbgeflecht.
Besonders Ostwalds Kinder bemühten sich, die Kufen des breiten Schaukelstuhles in Bewegung zu setzen, gleich ob eine erwachsene Person darauf saß und obendrein Geschwister auf ihr herumturnten.
Ostwald beschrieb in seinen Lebenslinien humorvoll den Besuch des schottischen Chemikers, Sir William Ramsay (1852–1916), mit bleibendem Eindruck: „Meinerseits konnte ich während einer Reihe von Jahren den Arbeitsgenossen ein ganz besonderes Geschenk machen, das den meisten von ihnen wohl unvergeßlich geblieben ist. Es traf sich zufällig, daß zum ersten Weihnachtsfest im neuen Hause William Ramsay bei mir weilte, um sich von anstrengenden Vorträgen und Festlichkeiten in Berlin zu erholen. Wir, d. h. meine musikübenden Kinder und ich pflegten ihm abends stundenlang Deutsche Musik vorzuspielen, von der er nicht genug bekommen konnte; er erwies sich dafür dankbar, indem er Englische Volkslieder mit großer Geschicklichkeit pfiff und sich dazu selbst auf dem Klavier begleitete. Beim Zuhören streckte er seine langen Glieder in einem Lehnstuhl aus und rieb seinen Kopf behaglich an der Wand dahinter. Da er sein Haar zu ölen pflegte, hatte er schließlich einen handgroßen Fettfleck auf der Tapete entwickelt, den mir meine Frau halb klagend, halb lachend zeigte, als er abgereist war. Ich schenkte ihr einen kleinen vergoldeten Kranz, der darüber gehängt wurde.“
Quelle: Buch Lebenslinien (1926) von Wilhelm Ostwald