Objekt des Monats Juni
Werkbund-Publikationen
In der historischen Bibliothek Wilhelm Ostwalds befinden sich eine Reihe von Publikationen des Deutschen Werkbundes. Im Einzelnen sind dies die Jahrbücher von 1912–1917, der Ausstellungskatalog der Werkbundsaustellung in Köln 1914 und die Publikation der auf der Ausstellung stattfindenden Jahrestagung.
Der Deutsche Werkbund war/ist eine „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“, die sich 1907 gegründet hat mit dem Ziel einer „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk, durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen“. „Im Deutschen Werkbund arbeiten Künstler mit Handwerkern und Fabrikanten zusammen und zwar gegen den Schund zugunsten der Qualitätsarbeit.“ Dies sollte nach der Meinung einiger Mitglieder u.a. durch die Festlegung von stilgebenden Typen im Kunsthandwerk geschehen. Diese Art der Normierung ergab Schnittmengen mit dem Programm der Brücke, die Ostwald 1911 zur Organisierung der geistigen Arbeit mitgegründet hatte, und unter deren Mitgliedern auch viele Werkbundmitglieder zu finden waren. Als Vertreter der Brücke wurde Ostwald 1912 Mitglied des Werkbundes und übernahm den Vorsitz eines Ausschusses zur Definition von Qualitätsfarben. Ostwald setzte sich hier für eine weitgehende Normierung der Farben auf Basis eines wissenschaftlichen Farbsystems ein und stand damit stramm auf einer Seite des im Werkbund herrschenden „Typisierungsstreits“. Die Jahrestagung und Werkbundausstellung in Köln 1914 (und der kurz darauf hereinbrechende Weltkrieg) bildet einen Wendepunkt in Ostwalds Leben. Auf der Werkbundtagung in Köln erhielt Ostwald den offiziellen Auftrag seine Farbenlehre zu entwickeln, was ihn den gesamten Rest seines Lebens in Beschlag nehmen wird.
Die Werkbundausstellung besucht Ostwald mit seiner Tochter Grete. Als besondere Inspiration empfanden Ostwald und Tochter die Farbenschau. „Die Farbenschau zog uns wieder und wieder an. Hochlehrreich war die Veranschaulichung von Farbstoffen und ihre Ausfärbungen auf verschiedenste Materialien. Beachtlich waren die Farbkarte von Baumann-Prase und Farbübungen mit Pinsel und Farbtünche von der Krefelder Textilschule. Aber bei weitem das Schönste, ja faszinierend, waren die unter dem Sammelbegriff Farbschönheit gezeigten farbschönen Dinge. […] Dann brach es aus meinem Vater heraus. Das Himmelsblau im Januar, im Juli, im September ist verschieden, wie kann man das messen, wie kann man das exakt bezeichnen? Warum leuchtet dies Geraniumrot aus allen andern Rots heraus? Warum ist das Blau und das Rot der Glasfenster wieder von anderer, tieferer Leuchtkraft? Töne lassen sich aufschreiben und jederzeit wieder übermitteln, Farben haben weder Maß noch Namen von solcher Art, daß auch sie Zeit und Raum überwinden können. […] Warum hat die Wissenschaft diese Probleme nicht schon längst gelöst? […] Das sind Aufgaben für die Ordnungslehre! Ich muß das machen! Seine Augen strahlten, sein Schritt federte, hinter der Stirn folgten sich die Gedankenexperimente fast sichtbar. Er drängte nach Haus, um in gewohnter Weise im Labor sich die Gedankenexperimente zu veranschaulichen und Helmholtz und Hering zu studieren.“