Objekt des Monats April
Drehscheibe „Franz Hugershoff“



Zur Durchführung von optischen Farbenmischexperimenten nutzte Wilhelm Ostwald eine Drehscheibe. Diese stellte er sich zunächst selbst her, indem er eine herkömmliche Handzentrifuge modifizierte. In ihrer ursprünglichen Funktion diente die Handzentrifuge zur Trennung von Stoffgemischen verschieden dichter Substanzen, in der Regel zur Abtrennung von in Flüssigkeiten suspendierten Feststoffen. Dazu werden die Gemische in zylindrische Glasgefäße gefüllt, die mittels einer Handkurbel im Kreis geschleudert werden, so dass sich die dichteren Stoffe des Gemischs durch die Einwirkung der Zentrifugalkraft von den weniger dichten Stoffen abtrennen lassen. Diesen Drehmechanismus nutzte Ostwald und funktionierte die Zentrifuge zu einer Drehscheibe um. Ostwald schrieb:
„Was die technische Ausführung der Drehscheibe anlangt, so ist sie gegenwärtig leicht geworden, seitdem man […] mit sehr schneller Rotation ausgestattete Apparate für andere Zwecke in größeren Mengen herstellt. [Es] können die vielfältigen Formen von Zentrifugen, welche zur Trennung verschieden dichter Gemenge in der chemisch-technischen Analyse ausgiebige Anwendung finden, ohne Schwierigkeit für unsere Zwecke angepaßt werden.“
Dazu tauschte er den Rotor der Handzentrifuge gegen eine Metallscheibe aus. Auf diese werden farblich unterschiedlich bestrichene Papierscheiben aufgesetzt, deren Farben durch schnelle Rotation der Drehscheibe in der Wahrnehmung durch das Auge miteinander vermischt werden. Hierzu werden seit Maxwell – James Clerk Maxwell hatte 1857 die Farbkreiselmethode zu Farbvergleichsmessungen erfunden – die Scheiben mit einem Schlitz versehen und ineinandergesteckt. Ein Prinzip das Ostwald seit Schulzeiten kannte:
„Ich habe die gleiche Erfindung als Knabe 1868 oder 1869 gemacht, als mir der Physiklehrer des Rigaer Realgymnasiums, G. Schweder, erlaubte, mit der der Schule angehörigen Drehscheibe zu experimentieren. Es war meine erste selbständige Idee auf experimentellem Gebiete.“
Ostwald nutzte die Drehscheibe zur Erstellung seiner psychologisch gleichabständigen Grauleiter, zu Farbmischexperimenten und zu Reinheitsmessungen.
Die im Wilhelm Ostwald Park erhaltene Drehscheibe, beruht auf einer Handzentrifuge der Firma Franz Hugershoff in Leipzig. Über zwei Handkurbeln, von der nur eine erhalten ist, wird ein Getriebe betätigt, das die aufsitzende Metallscheibe in Drehung versetzt. Aufgelegte Farbscheiben werden mittels eines Kautschukstopfens fixiert. Bei der Metallscheibe und dem Kautschukstopfen dürfte es sich gegenüber dem Original um späteren „Restaurierungs-Ersatz“ handeln. Ostwald selbst nutzte einen Korkstopfen.
„Gegenüber der üblichen Schraubenmutter zum Festdrücken der Papiere hat der Kork den Vorzug, daß er sehr viel schneller entfernt, aufgesetzt und gelockert werden kann.“
Das Getriebe der Handzentrifuge ist in einer schwarz lackierten Messing-Ummantelung eingehaust. Zur Fixierung kann diese zum Beispiel auf einen Labortisch aufgeschraubt werden. Bei dem Zentrifugenmodell handelt es sich um ein „Allerweltsmodell“ das zu Ostwalds Zeiten von allen größeren Laborbedarfsfirmen in vergleichbarer Form angeboten wurde.
Maße: 27 × 27 × 25 cm
Quellen:
Ostwald, W.: „Beiträge zur Farbenlehre – Erstes bis Fünftes Stück“, Abhandlungen der mathematisch-physischen Klasse der königlich-sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 34, 365–572 (1917).
Maxwell, J. C.: „Experiments on Colour, as perceived by the Eye, with Remarks on Colour-Blindness“, Transactions of the Royal Society of Edinburgh 21, 275–298 (1857).