Objekt des Monats November
Ostwald-Fanartikel
Spätestens mit der Übernahme der Präsidentschaft des Monistenbundes 1911 wurde Wilhelm Ostwald eine öffentliche Person in Deutschland. Um die 4000 Menschen verfolgten im September 1911 den ersten internationalen Monistenkongress in Hamburg zu dessen Abschluss Ostwald das monistische Jahrhundert ausruft. Als Beilage der gleichnamigen Bundes-Zeitschrift verfasst Wilhelm Ostwald in den Jahren 1912–1915 insgesamt 138 monistische Sonntagspredigten, in denen er sich zu allgemeinen, weltanschaulichen Themen, aber auch zum Tagesgeschehen äußert. Dies stellt den Gipfel seiner publizistischen Tätigkeit und öffentlichen Wahrnehmung dar. In einer Umkehrung seiner gegenwärtigen Rezeption ist er den Deutschen in dieser Zeit als Philosoph bekannt, der auch ein großer Chemiker ist, statt als großer Chemiker, der sich auch philosophisch betätigt hat. In der Tagespresse wird Ostwald u. a. als „Monistenhäuptling“ oder „Monistenpapst“ bezeichnet. Polemische Kritik an der atheistischen, naturwissenschaftlichen Agenda des Monistenbundes begegnet Ostwald mit der Metapher der Walfischläuse, von deren Anwesenheit unbeeinflusst der Walfisch weiterschwimmt. Ein Zeugnis der Begeisterung, die Ostwald bei seinen Anhängern auslöst ist in der Sammlung des Wilhelm Ostwald Parks überliefert. Es handelt sich um ein Standardschreiben mit dem Wilhelm Ostwald an ihn gestellte Autogrammwünsche beantwortet. Als Bedingung stellt Ostwald eine Spende an den Monistenbund von mindestens 10 Mark, für die ein Autogramm sowie ein vierteljähriges Abonnement der Zeitschrift „Das Monistische Jahrhundert“ erworben werden. Andere „Fanartikel“ sind Porträt-Ansichtskarten, Porträt-Plaketten und Sammelbilder „hervorragender Ärzte und Naturforscher“. Auch wenn Ostwald die Position an der Spitze einer umwälzenden Bewegung durchaus gefallen haben dürfte, war er dem Personenkult nicht zugeneigt. Allzu überschwängliche Lobeshymnen oder Aufhebens um seine Person pflegte Ostwald mit dem geflügelten Wort zu kommentieren:
„Um das Rhinozeros zu seh’n, erzählte mir mein Freund, beschloß ich heute auszugeh’n!“
Der Spruch stammt aus dem Werk „Der arme Greis“ von Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769), und ist inspiriert von der 17-jährigen Europa-Tour des indischen Panzernashorns Clara Mitte des 18. Jahrhunderts (Station in Leipzig im April 1747), das von tausenden Schaulustigen bestaunt wurde. Clara war das zweite Rhinozeros in Europa seit der Antike und das erste, das seine Ankunft in Europa nachweislich um viele Jahre überlebte. Das Rhinozeros, das Albrecht Dürer 1515 zu seinem gleichnamigen Holzschnitt inspirierte, hatte er nie persönlich gesehen. Es starb im ersten Jahr seines Europaaufenthalts bei der Überfahrt von Lissabon nach Rom durch einen Schiffbruch.
Maße:
14 × 9 cm (Portrait-Postkarte)
16 × 24,5 cm (Sammelbild)
Wilhelm Ostwald: Monistische Sonntagspredigten, erste bis fünte Reihe, 1912–1915. Wilhelm Ostwald (Hrsg.): Das Monistische Jahrhundert, 1912–1915.
Wilhelm Ostwald: Lebenslinien II, 1926.
Welcome to the History of Clara, https://rhinoresourcecenter.com/clara/history-of-clara/